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Hajcjuniški (blr. Гайцюнішкі; russ. Гайтюнишки) --- Grenzgebiet
EINE FESTUNG ZUM WOHNEN, HEUTE EINE STRENG BEWACHTE FORENSISCHE KLINIK

Eine typische Erscheinung im Belarus des 16./17. Jahrhunderts war die Inanspruchnahme von Diensten von Bauherren aus dem Ausland. Sie ließen sich zusammen mit Händlern in Vilnius oder Kaunas nieder und reisten dann durch Litauen, Belarus und Polen.
So auch in Hajcjuniški (heute Rajon Voranava): Der Ort ist bekannt seit dem 17. Jahrhundert als privates Gut von Pjotr Nonchart, einem Einwanderer aus Flandern, leitender Baumeistes aus Vilnius, der des Königschloss in Vilnius nach dem Brand 1610 wieder aufzubauen half. Die Herkunft und auch die korrekte Aussprache des Namens Nonchart ist nicht eindeutig geklärt, vielleicht handelt es sich um ein kurländisches Adelsgeschlecht. Pjotr heiratete eine Protestantin und bekleidete das Amt des Polizeimeisters. Seine einzige Tochter Zuzana heiratete (wahrscheinlich) Jury Chraptovič (1586-1650), Wojewode von Navahrudak, der Hajcjuniški seinem Sohn Adam vermachte.
Jedenfalls baut Nonchart 1613 zusammen mit dem Ingenieur Van Daden eine private Festung für seine eigenen Bedürfnisse sowie die Grabkapelle (1633). Das Gelände soll durchaus Verteidigungsfunktionen erfüllen und wird befestigt, mit heute nicht mehr erhaltenen Wällen, Gräben, Kanälen sowie mit Teichen, die ebenfalls Verteidigungsfunktion hatten, da sie das Platzieren von Kanonen u. ä. erschwerten oder unmöglich machten. Heute noch kann man an Ort und Stelle einzelne Elemente der Befestigungen sehen (Überreste der ehemaligen Bewässerungsanlagen).

Die „Wohnfestung“ Noncharts (1611/12) – Architektur und Geschichte

Zur Festung gehörten das Haus, das mit den vier runden Ecktürmen in der Tat wie eine kleine Burg oder Festung aussieht, einige Wirtschaftsgebäude (19. Jh./Anf. 20. Jh.), eine Kapelle (s. u.), ein Park. Fotos vom Anwesen finden Sie hier.
Die „Festung“ oder das „Schlösschen“ wurde 1611/12 am linken Ufer des Flusses Žyžma aus Backstein gebaut: Das gut erhaltene zweistöckige, symmetrische Gebäude hat einen rechteckigen Grundriss (15 x 34 m), ein hohes Walmdach mit vier runden dreistöckigen Ecktürmen mit schmalen Fenstern/Schießscharten und Zeltdächern. Das Gebäude betritt man durch eine Bogeneinfahrt in einem Tor in der Mitte der Hauptfassade. Ende des 19. Jahrhundert wird an den zentralen Turm ein kleines quadratisches Vordach mit Bogenfenstern und einer Terrasse darüber angebaut. Die Wände sind mit rechteckigen Fenstern durchschnitten.
Die Mauern waren mit 1,50 m ziemlich stabil, wie es sich für eine Verteidigungsanlage gehört, die Überdachung bestand aus Gewölbe. Fassadendekor fehlt gänzlich, was ebenfalls typisch für Verteidigungsanlagen ist, vielmehr als durch das Äußere beeindruckt der Bau durch seine Ausmaße. In den 1970er Jahren wurde an die Hoffassade ein einstöckiges Gebäude angebaut.
Im mittleren Teil des Hauses gab es einen Saal mit einer Holztreppe, die in das Obergeschoss führte. Links und rechts davon gab es Räume, die mit den runden Türmen verbunden waren. Das Erdgeschoss war für die Unterbringung einer kleinen Garnison und des Dienstes bestimmt. Die Wohnräume und Speisesäle befanden sich im Obergeschoss und in der dritten Etage des mittleren Turms, der eine eigene Treppe hatte. Wasser konnten die Bewohner aus einem Brunnen im Keller schöpfen. Zur Inneneinrichtung gehörten bunt bemalte Öfen und Kamine, die Wände waren bemalt und mit Stuck und Lampen verziert
Im Großen Nordischen Krieg (1700-1721) hielt das „Schloss“ den Belagerungen durch die Schweden stand. Nach Nonchart wurde die „Festung“ nicht mehr als Wohnort genutzt, sondern diente vor allem wirtschaftlichen Zwecken. Allmählich verlor das Gebäude seine Verteidigungsfunktion Auf einem Damm auf einem der Teiche wurde eine Wassermühle errichtet, in der Nähe gab es Pferdeställe, eine Schmiede, eine Butterei/Käserei, Webwerkstätten, neben dem Haus gab es ein kleines Verwaltungsgebäude. Eine Zeitlang gehörte Hajcjuniški der Familie von Maryla Wereszczakówna, Adam Mickiewiczs Geliebter (und Kusine von Ignacy Domeyko), Adam Mickiewicz war oft zu Besuch hier. Im Laufe der Zeit verfiel die „Wohnburg“.

Die „Wohnfestung“ heute

Das meiste ist im Originalzustand erhalten, auch was die Inneneinrichtung angeht (Brunnen, Gewölbe usw.). In den Türmen sind heute (leider) Abstellkammern und Toiletten untergebracht.
Seit 1956 ist hier eine forensische Klinik untergebracht, so dass leider keine Exkursionen durch das Schloss möglich sind (nur ab und an werden Schulklassen hineingelassen, vielleicht auch zur Abschreckung?). Das Gebäude wird von der Miliz bewacht. Zudem befindet sich das Dorf vier Kilometer von der litauischen Grenze entfernt und liegt auch etwas versteckt, sechs Kilometer von der Straße (M11/Benjakoni) und der Eisenbahnlinie entfernt. Grenzzone heißt auch: Ohne Genehmigung durch die zuständigen Behörden dürfen Sie das Dorf nicht besuchen. Passkontrollen vor Ort durch Miliz und Grenzschutz sind nie auszuschließen, bei Missachtung droht eine Verwarnung oder ein hohes Bußgeld.
Nach der Eröffnung des psychiatrischen Krankenhauses 1956 wurden weitere Gebäude angebaut, so z. B. mit Balkon, etwas später kam eine hässliche Treppe hinzu, die auf den Balkon führt, noch etwas später ein einstöckiges Gebäude hinter der Festung, für die Patienten. Heute sind hier ca. 300 Patienten untergebracht, fast genauso viel Personal ist hier tätig. Eine Umgestaltung des Geländes zu touristischen Zwecken ist leider nicht vorgesehen, aber die Psychiatrie hat wenigstens den einen Effekt, das historische Anwesen vor weiterem Verfall zu schützen.

Nonchart war Protestant, die calvinistischen Grabkappelle (1614/1633, je nach Quelle), die Familiengruft der Familie Nonchart (und anderer späterer Besitzer), von der heute nunmehr nur eine Ruine erhalten ist (Teile der Nord- und der Westwand), hatte seinerzeit Noncharts Tochter Zuzana gestiftet und ging später in den Besitz der katholischen Kirche über. Lange Zeit hatte die Kapelle einen eigenen Geistlichen.
Heute ist die Kapelle in Nähe der Festung fast vollständig zerstört und überwuchert mit Bäumen und Gestrüpp. Vom Stil her ist sie ein barockes Bauwerk, enthält aber auch Elemente von Verteidigungsarchitektur. Das kompakte, rechteckige Gebäude hatte eine ebenfalls rechteckige Apsis und ein Walmdach und war auf drei Seiten mit robusten Strebepfeilern verstärkt. Dekor im Gemäuer fehlte fast ganz. Weitere Besonderheiten: Fenster, breite Karniese, die Hauptfassade kam ohne Giebel aus, über dem Eingang erhob sich ein kleines Türmchen. An der Altarapsis war ein dreieckiger Giebel angebracht.
    Im Inneren gibt es ein Tonnengewölbe. Besonderen künstlerischen Wert hatten der Altar und die Altarbühne (17. Jh.). Die Kapelle wurde erst nach dem Zweiten Weltkrieg zerstört, als in der Festung eine Mechanisatorenschule untergebracht war (1946-1949) und die Ziegelsteine der Kapelle für den Bau neuer Wirtschaftsgebäude benutzt wurden. In der Krypta befanden sich die Särge mit den mumifizierten Leichnamen der Bestatteten.

André Böhm
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